Ev.-Luth. Christuskirchengemeinde, Wiesbaden

Pfarrer Peter Kiehl

 

 

Herbst: Bäume ohne Blätter

Liebe Gemeindeglieder der Wiesbadener Christuskirchengemeinde, liebe Freunde, Leserinnen und Leser!

Mit dem Gedenktag des Erzengels Michael und aller Engel (Michaelis) am letzten September-Sonntag (Gottesdienst am 24. September) beginnt der letzte Abschnitt des Kirchenjahres, der in den Herbst fällt. Das ernste Thema der Vergänglichkeit rückt in den Vordergrund.

Die Bäume, die auf dem Bild ihre kahlen Äste in den Himmel recken, lassen mich an einen Abschnitt aus dem Buch Hiob denken: „Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht. (…) So blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut. Ein Baum hat Hoffnung, denn er kann wieder blühen. Stirbt aber ein Mensch, so ist er dahin“ (vgl. Hiob 14, 1-10).

Der Mensch „fällt ab“ – wie eine Blüte oder wie Blätter. Sein Leben vergeht, ist durch den Tod begrenzt. Hiob bittet Gott: „Schau weg, Gott. Lass mich in Frieden. Wenn ich schon sterben muss, dann will ich wenigstens die paar Jahre hier auf der Erde meine Ruhe haben.“ Hiob vergleicht sich mit einem Tagelöhner, der den ganzen Tag lang schuftet und rackert und wenigstens nach Feierabend einmal Luft holen und durchatmen möchte.

Gott gibt Hiob Recht mit seiner Klage über die übermenschliche Verantwortung.

Es ist wahr: Wir haben keine Chance, es Gott Recht zu machen. Aber Gott geht nicht herunter mit seiner Forderung. Er sagt nicht: „Dann nehme ich es nicht mehr so genau mit Gut und Böse, mit Unrecht und Schuld.“

Nein, Gott sagt: „Ich tue das, was ihr Menschen nicht fertig bringt.“ Gott setzt nicht nur Grenzen, sondern er überschreitet Grenzen und wird selbst Mensch. Der Schöpfer lässt sich ein auf die Bedingungen der Schöpfung, er nimmt die Vergänglichkeit auf sich. In Jesus Christus erfüllt Gott tatsächlich den Wunsch Hiobs. „Blicke doch weg, Gott“. Ja, Gott schaut weg von uns Menschen, von unserer Sünde und Schuld, von der Vergänglichkeit unsers Lebens. Gott schaut auf Christus, den Anfang der neuen Schöpfung, der der Menschheit das Heil Gottes bringt. Wer glaubt und getauft ist, der ist durch Jesus Christus bei Gott angesehen. In seinem Namen brauchen wir keine Angst vor dem Urteil Gottes zu haben. In die Welt der Vergänglichkeit und des Todes scheint das helle Licht der Treue Gottes.

Daran glauben wir durch unsere Taufe. Daran erinnern wir uns im Jubiläumsjahr der Reformation, die diese Botschaft des Evangeliums neu zum Leuchten gebracht hat. Und daran halten wir fest, wenn die dunkle Jahreszeit kommt und die Bäume kahl werden. Auf den Gott des Lebens hoffen wir, der durch den Propheten ausrichten lässt: „Ich will sein wie eine grünende Tanne; von mir erhältst du deine Früchte.“ (Hosea 14,9)

Mit herzlichen Segenswünschen grüßt Ihr Vakanz-Pfarrer

Pfarrer Peter Kiehl