Ev.-Luth. Christuskirchengemeinde, Wiesbaden

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Liebe Glieder der Christuskirchengemeinde Wiesbaden!

 

„Wir wünschen unseren Leserinnen und Lesern segensreiche Sommertage“, so steht es auf dem Deckblatt unseres Gemeindeblatts. Dazu ist im Hintergrund eine Collage aus farbenfrohen Blumen zu sehen. Das Bild macht Lust auf den Sommer. Auf Sonne. Auf lange Tage. Auf viel Draußen sein. Auf Urlaub. Ja, der Sommer ist eine in der Regel besonders freudenvolle Zeit.

Dabei ist es diese Tage gar nicht so leicht, Freude aufkommen zu lassen, selbst an den Schönwettertagen. Klar, schon immer verkauften sich schlechte Nachrichten besser als gute, aber mitten in der Corona-Pandemie sind die Nachrichtensendungen und Zeitungen voller denn je mit Negativschlagzeilen. Täglich scheinbar neue Rekorde: Die größte Schuldenaufnahme seit zig Jahren; die stärkste Wirtschaftsverzögerung seit dem 19. Jahrhundert; die schnellste Verbreitung eines Virus seit... Diese Flut von negativen Nachrichten drückt neben allen virusbedingten Einschränkungen und Umstellungen im Alltag natürlich auch auf das Gemüt.

Paul Gerhardt ruft uns in einem zeitlosen Lied zu: „Geh aus mein Herz und suche Freud“, und zwar: „in dieser lieben Sommerzeit“. Ja, das ist ein guter Hinweis für uns, vielleicht besonders in diesen Tagen. Paul Gerhardt fordert uns dazu auf, dass wir aktiv hinausgehen in die sommerliche Natur und ihre Schönheit betrachten. Das ist nichts anderes als der Aufruf an uns, die Natur in ihrer ganzen Herrlichkeit in den Sommermonaten bewusst wahrzunehmen. Mit diesem Lied ist Paul Gerhardt erstaunlich modern.

Seit ein paar Jahren ist die sog. „Achtsamkeit“, die in der buddhistischen Meditationspraxis ihren Ursprung hat, auch im Westen (zu Recht) sehr beliebt geworden. Dabei geht es um das Einüben in eine besondere Form der Aufmerksamkeit, alltägliche Dinge neu oder überhaupt erst wahrzunehmen. Dieses soll zu einer Verminderung von Leiden helfen, wie auch zu einer Vermittlung neuer Perspektiven auf eigene Probleme. Paul Gerhardt, mit seinem Lied „Geh aus mein Herz und suche Freud“, tut im Grunde nichts anderes, als uns zur Achtsamkeit aufzufordern.

Falls Sie den vollständigen Text des Liedes zur Hand haben (ELKG 371), fangen Sie doch einmal damit an, alle 15 Strophen zu lesen (natürlich besser noch zu singen). Paul Gerhardt hat das Lied kunstvoll gegliedert. In den Strophen 2-7 beschreibt er die Schöpfung Gottes in ihrer ganzen Schönheit, angefangen bei der Pflanzenwelt, über die Tiere in freier Wildbahn und hin zu dem Menschen, der von den Gaben der Natur lebt (von den Schafen und den Bienen, von Wein und Weizen). Im achten Vers (die Mitte des Liedes!) reflektiert der Dichter darüber, wie die Betrachtung der Natur bei ihm (ganz natürlich) übergeht in den Lobpreis Gottes.

Im zweiten Teil des Liedes verändert sich die Perspektive. Nun ist der Blick des Dichters nicht mehr auf den Garten im wörtlichen Sinn gerichtet, sondern auf die überragende Schönheit des himmlischen Gartens. Dieser Perspektivwechsel, wiederum, führt zu einem neuen und befreienden Blick auch auf den eigenen Lebensalltag. Gott und die Mitmenschen geraten in den Blick: Dass Christen Kraft des Heiligen Geistes bereits diesseits des Paradieses gerne Gott loben, und gemäß ihrem Amt und Stande „Glaubensfrüchte“ in ihrem Leben bringen.

In diesem Sinne – in der Hoffnung auf mehr „Achtsamkeit“ und frische Perspektiven – wünsche ich Ihnen segensreiche Sommertage,

Ihr

Pfarrer Michael Ahlers