Ev.-Luth. Christuskirchengemeinde, Wiesbaden

           Die Krücken der Gnade Gottes


Liebe Glieder der Christuskirchengemeinde Wiesbaden,

„Jedes Mal, wenn jemand in die Kirchentür tritt, kann man die Krücken der Gnade Gottes sehen, die diese Person in Gottes Haus bringen.“ Ich habe diesen Satz irgendwann in meinem Leben gelesen, und er hat mich tief berührt. Und ich habe oft über diesen Satz nachgedacht.

Und in gewisser Weise ist dieser Satz in unserer Zeit aktuell. Angesichts all dessen, was wir erlebt haben, kann man die Krücken der Gnade Gottes immer wieder Menschen durch die Türen der Kirche bringen sehen. Aber was bedeutet dieser Satz eigentlich?

Krücken sind Gegenstände, die als Stütze für den menschlichen Körper verwendet werden, um die Fortbewegung zu erleichtern. Wenn wir jemanden sehen, der Krücken benutzt, schließen wir daraus, dass diese Person ein Defizit in ihren motorischen Fähigkeiten hat, sich fortzubewegen. In jedem Fall kann sich eine Person, die Krücken benutzt, nicht ohne Hilfe fortbewegen.

Wenn es jedoch um unsere geistige Situation geht, werden wir völlig tot geboren und können nichts für uns selbst tun. Dann kommt die Gnade Gottes hinzu, die uns von unseren Sünden reinigt, uns regeneriert und uns neues Leben in Christus schenkt. Dies geschah am Tag unserer Taufe, als wir unseren rettenden Glauben durch den Heiligen Geist empfingen.
Dies geschieht ohne jeden Verdienst unsererseits.

Martin Luther sagt in seiner Erklärung des dritten Artikels im Kleinen Katechismus: „Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann; sondern der Heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten.“

Es ist wichtig, die Verwandlung, die stattgefunden hat, als wir zum Glauben kamen, richtig zu verstehen. Diese Verwandlung ist keine Verwandlung von einem Sünder in einen gerechten Menschen, sondern von einem Sünder in einen gerechten und sündigen Menschen zugleich. Wir sind als Christen immer noch 100% Sünder und gleichzeitig 100% Heilige in den Augen Gottes.

Was bedeutet das für die Praxis? Wir sind nicht nur rechtschaffene Christen. Wenn wir das wären, würden wir ohne Hilfe durch die Kirchentür gehen. Wenn wir vollkommen gerecht wären, würden wir Gott über alles andere stellen.

Doch weil wir immer noch Sünder sind, muss Gott in seiner Gnade immer wieder neu in unserem Leben handeln. Der Heilige Geist muss unsere Herzen immer wieder neu bewegen.

„Jedes Mal, wenn jemand durch die Kirchentür tritt, kann man die Krücken der Gnade Gottes sehen, die diese Person in Gottes Haus bringen.“

Krücken sind für die Kranken, für die Verwundeten. Die Kirche ist oft als ein Krankenhaus für Sünder beschrieben worden, nicht für gesunde Menschen. Jesus sagt: „Nicht die Starken bedürfen des Arztes, sondern die Kranken. Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder“ (Markus 2, 17).

Wenn es an jedem einzelnen von uns läge, würden wir nie in die Kirche kommen. Wir würden nie zum Gottesdienst gehen. Aber der Heilige Geist bewegt uns immer wieder zu dem Arzt Jesus. Nur Jesus kann unsere Schmerzen, Ängste und Sorgen heilen. Nur in Jesus haben wir die Vergebung unserer Sünden. Das ist die Gnade Gottes!

Bist du verletzt? Hast du Angst? Jesus lädt dich ein:
„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken“ (Matthäus 11, 28).

Gott bewahre dich in der Gewissheit des Heils und des ewigen Lebens in Jesus Christus, Amen!

 

Guilherme Knüpfer