Ev.-Luth. Christuskirchengemeinde, Wiesbaden

Wie lieblich sind deine Wohnungen, HERR Zebaoth!
Meine Seele verlangt und sehnt sich
nach den Vorhöfen des HERRN;
mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott.

(Psalm 84, 2.3)


Liebe Glieder der Christuskirchengemeinde Wiesbaden!

 
Der Einbau des Buntglasfensters, das neuerdings unseren Eingangsbereich der Kirche schmückt, ist der Abschluss eines Neugestaltungsprozesses für den Eingangsbereich, der vor vielen Jahren angestoßen wurde. Zweifelsohne ist dieses ein tolles Fenster, das dem Raum einen ganz anderen (und meiner Meinung nach sehr passenden) Charakter verleiht. Zweifelsohne gibt es aber auch die Stimmen, die fragen werden, ob dieses Fenster denn wirklich sein musste; hätte nicht auch das schlichte alte Fenster mit dem Kreuz gereicht?

Tatsächlich hätte das alte Fenster „gereicht“. Wie überhaupt grundsätzlich nicht nur der Eingangsbereich, sondern das komplette Kirchgebäude nicht unbedingt „nötig“ wäre. Die ersten Christen z. B. hatten keine eigenen Kirchen; sie trafen sich in Katakomben und Privathäusern. Auch unsere lutherischen Glaubensmütter und -väter haben Zeiten erlebt, in denen sie sich für Gottesdienste draußen im Freien oder in ihren Häusern treffen mussten, weil ihnen der Zutritt zu den Kirchen verwehrt wurde. Es gibt heutzutage christliche Gemeinschaften, die sich ganz bewusst gegen ein Kirchgebäude entscheiden. Sie treffen sich in Privathäusern, in der Natur, zum Teil sogar in Kneipen oder Restaurants.

Gott lässt sich überall dort finden, wo sein Wort und seine Sakramente sind. Und das kann tatsächlich überall sein. Ja, jedes Haus, jeder Ort, kann zu einer Begegnungsstätte werden, wo Gott an Menschen wirkt. „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind“, sagt Jesus, „da bin ich mitten unter ihnen.“ Ja, das kann tatsächlich überall sein. Wenn ich z.B. das heilige Abendmahl zu Ihnen in Ihr Wohnzimmer bringe, weil Sie alters- oder krankheitsbedingt nicht mehr in die Kirche kommen können, dann nimmt Gott auch da Wohnung.

Gott braucht keine besonderen Orte, um zu uns kommen zu können. Aber wir Menschen können besondere Orte – Orte, die wir absondern für Gott; ihm weihen – in der Regel gut gebrauchen. Ja, einen festen Ort zu haben, wo Gott uns begegnet mit seinen Gaben, das ist der Grund dafür, warum wir Kirchen haben, diese (aufwendig) instand halten und nach Möglichkeit eben auch ästhetisch schön gestalten. So sondern wir uns Orte für Gott ab, wo er zu uns kommen kann, und wir uns um ihn herum versammeln können. Das sind Orte, wo wir das Bad der Taufe empfangen, sein Wort hören, sowie auf das Innigste mit ihm verbunden werden im Abendmahl.

Schön, dass wir Kirchen haben, in die wir aus unserem Alltag heraus kommen können, um bei Gott einzukehren. Ganz gleich, wie es gerade bei mir Zuhause aussieht, oder in meinem Leben (vielleicht sind beide eher unaufgeräumt). Ich kann das hinter mir lassen, aus meiner kleinen Welt aussteigen und im Gotteshaus bei dem großen Gott einkehren. Hier kann ich Gemeinschaft mit Gott und Glaubensgeschwistern genießen, Stille finden, Worte und Bilder zu mir sprechen lassen und meine Worte an Gott richten.

Coronabedingt haben einige von Ihnen das neue Fenster im Eingangsbereich noch nicht „live“ gesehen. Ich bin einmal gespannt auf Ihre Reaktion. Ich selbst freue mich über das neue Fenster. Vor allem aber freue ich mich, wenn dieses Fenster uns als Gemeinde neu den Ort lieb werden lässt, an dem der ewige Gott sich finden lassen will in seinem Wort und Sakrament – im Besonderen in den sakralen Bauten, die ihm geweiht sind.

Ihr

Pfarrer Michael Ahlers