Ev.-Luth. Christuskirchengemeinde, Wiesbaden

„Darum gedenke ich an die Taten des HERRN, ja, ich gedenke an deine früheren Wunder und sinne über alle deine Werke und denke deinen Taten nach.“
(Psalm 77)


Liebe Glieder der Christuskirchengemeinde Wiesbaden!

 

 

auf dem Bild sind die Gaben zu sehen, die zum Erntedankfest im letzten Jahr in unserer Kirche aufgebaut waren.

Das ist ein schönes Bild, das uns zugleich aber auch vorhält, wie sehr schnell wir Dinge doch als selbstverständlich betrachten. So z. B. das jährliche Erntedankfest, das in diesem Jahr wohl ziemlich anders ausfallen wird als gewohnt. Die Kirche werden wir wie üblich mit Erntegaben schmücken können, aber die Gemeinde wird sich in der Kirche zum Gottesdienst nicht so versammeln können wie sonst. Die Kirche wird leerer sein. Manche werden nur über das Internet den Gottesdienst mitfeiern. Es wird voraussichtlich bis dahin auch immer noch keinen Gemeindegesang geben können.

Aber vor allem wird das Erntedankfest vermutlich in diesem Jahr anders ausfallen, weil der Dank bei vielen wohl nicht so leicht über die Lippen kommt wie in vorigen Jahren. Die vergangenen Monate der Einschränkungen durch das Coronavirus waren auf ganz unterschiedlichen Ebenen für viele sehr anstrengend, auch wenn wir in diesem Land bislang sehr glimpflich davongekommen sind. Müdigkeit zeichnet sich bei vielen ab. Freude kommt nicht so schnell auf wie vorher. Und das Danken fällt manchem schwerer.

In Psalm 77 fragt der Psalmbeter Asaf, der offensichtlich selbst eine schwere Zeit durchmacht: „Wird denn der Herr auf ewig verstoßen und keine Gnade mehr erweisen? … Hat Gott vergessen, gnädig zu sein, hat er sein Erbarmen in Zorn verschlossen?“ Hier spricht ein Mensch, dem es richtig dreckig geht. Und nicht nur geht es ihm schlecht; er betet zu Gott, doch findet keinen richtigen Trost. Er zweifelt an der Güte und an der Barmherzigkeit Gottes. Wenn er nachts nicht schlafen kann, fragt er sich, ob Gott etwa seine Verheißungen zurückgenommen hat.

Zugleich gibt der Psalmbeter die Antwort auf seine eigenen Fragen: „Darum gedenke ich an die Taten des HERRN, ja, ich gedenke an deine früheren Wunder und sinne über alle deine Werke und denke deinen Taten nach.“ Trost, Zuversicht und Hoffnung findet der Psalmbeter in seiner Not im Gedenken an die früheren Taten Gottes; im Sich-Erinnern an das, was Gott in seinem Wort verheißen und getan hat.

Vom Psalmbeter können wir lernen. „Wird denn der Herr auf ewig verstoßen und keine Gnade erweisen?“ Nein, so können wir uns erinnern – nicht, seit Gott uns Jesus Christus offenbart hat, in dem Er uns erwählt hat ehe der Welt Grund gelegt war (Eph. 1, 4). „Hat Gott vergessen, gnädig zu sein, hat er sein Erbarmen in Zorn verschlossen?“ Nein, so können wir uns erinnern – nicht, seit das Taufwasser über unsern Kopf geflossen ist, und wir die Verheißung Gottes hörten, dass er uns durch Jesus Christus erlöst hat; dass er uns bei unserem je eigenen Namen gerufen hat; dass wir sein sind – jetzt und für immer; er alle Tage bis an der Welt Ende bei uns sein will, und uns am Ende der Zeit zu einem ewigen und unvergänglichen Leben auferwecken will.

Das Erntedankfest ist ein Tag, der uns erinnern will an die früheren Wunder und die Werke und die Taten Gottes. In diesem Fall sind es weniger die Wunder und Taten, die er gewirkt hat, um unser Heil zu gewinnen. Aber die Erntegaben, die wir verlässlich Jahr um Jahr aus seiner Hand empfangen, die können uns ganz grundsätzlich an unseren gebenden und schenkenden Gott erinnern. Damit wir in schweren Zeiten Hoffnung, Trost und Zuversicht – und Dank – aus dem Wissen schöpfen können, dass wir es bei unserem Gott unendlich gut haben.

Ihr

Pfarrer Michael Ahlers